Lift # Ein Stück von Nadine Weber

Personen:

  • Bodo
  • Corinna
  • Simone

Ein Fahrstuhl in einem Hochhaus mit 23 Etagen. Die Rückwand des Lifts besteht aus einem Spiegel vom Boden bis zur Kabinendecke. Bodo steigt in der obersten Etage ein und drückt die Taste „E“ für Erdgeschoss.

Bodo: Viertel nach zwei und ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich es nicht mehr rechtzeitig zu meinem Termin schaffe. Ich schwitze. Verdammt, wie oft muss ich denn noch auf „E“ drücken, damit dieser scheiß Fahrstuhl versteht, dass ich es verdammt noch mal eilig habe. Blick in den Spiegel. Die Krawatte schnürt mir noch die Luft ab. Meine Haare, sitzen. Mein Körperduft, na ja. Könnte besser sein.

Corinna: Lift nach oben, Lift nach unten. Warum drücke ich immer beide Tasten? Ich veranstalte einen Wettkampf der Technik, wer ist schneller, der Seilzug nach oben oder nach unten? Ich zähle bis zehn, und wenn dann noch kein Lämpchen brennt, das einem den Weg weist Richtung Himmel oder Erde, gehe ich zu Fuss nach unten, an die Luft. Enge Räume machen mich sowieso verrückt. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7,... Schade jetzt muss ich doch in diese Kabine des Eingesperrtseins. Lift kommt. Bing.
Guten Tag.
Ein freundliches Lächeln und ein kurzer Augenaufschlag, meine alt bewährte Methode, um bei Männern Aufmerksamkeit zu erwecken.

Bodo: Guten Tag.
Musste die jetzt auch noch den Lift zum Stehen bringen, wenn die wüsste, wie viel Zeit das schon wieder in Anspruch nimmt. Mindestens 73 Sekunden. Ich fasse es nicht, die scheint ihre Zeit wohl im Lotto gewonnen zu haben. Ich drücke noch mal auf „E“ in der Hoffnung, dass die scheiß Tür endlich zu geht und wir nach unten fahren.

Corinna: Der sieht aber gut aus. Zufällige Begegnungen in einem engen Raum, der nur deshalb nicht so klein aussieht, weil der riesige Spiegel im Hintergrund die Kabine verdoppelt erscheinen lässt. Seine Haare sitzen irgendwie komisch. Aber der Anzug und die Krawatte machen einen ganzen Kerl aus diesem Typen, der riecht als käme er aus dem Stall. Ich mag animalische Züge an Menschen.

Bodo: Die Schuhe von Manolo Blahnik. Sie hat Geschmack oder nur zuviel von dieser New Yorker Serie geschaut. Wie sie wohl heißt? Sie hat sicher einen von diesen „Ich bin so eine ganz süße, kleine und ich kann keiner Fliege etwas zu Leide tun Namen“, wie Jennifer, Spitzname Jenny. Im entscheidenden Moment aber schlägt sie dich eiskalt nieder, serviert dich ab, treibt´s mit deinem besten Freund, hat es aber natürlich nicht böse gemeint.

Corinna: Wenn Männer nach Bauernhof riechen und es dann aber mit billigen Deo übertünchen, dann finde ich das schon ziemlich albern. Sie sollten dazu stehen. Aber nein, stattdessen schmeißen sie sich in teure Maßanzüge und besprühen sich mit „Axe for men Sport“. Ich stelle ihn mir vor, wie mit einer Mistgabel und einem Karohemd körperliche Schwerstarbeit verrichtet. Ich finde ihn nett, nur sollte er endlich seine Hüllen fallen lassen. Diese eingebildeten Pseudo-Juppies glauben, sie können eine Frau mit Geld und einem dicken Benz unterm Arsch beeindrucken. Die Stellung, der Account, die Goldene Visa, der Hummer im Restaurant und die Penthouse Suite im Kempinski glauben sie, sind die Requisiten, die man(n) braucht, um die Frau zum Schmelzen zu bringen.

Bodo: Sie trägt einen kurzen Rock und einen netten Blazer. Sie trägt ein Kostüm. Ganz klare Sache, sie versteckt sich, sie verstellt sich, zu ihr kann man kein Vertrauen haben. Mit ihrem Chanel-Kostümchen und ihren High Heels tippelt sie ins Büro, kocht Kaffee und macht ihrem Chef schöne Augen und natürlich macht sie gern Überstunden. Das Dekolleté spricht Bände. Wenn diese Titten sprechen könnten, würden sie Geschichten erzählen. Ich vermute sogar, dass sie sich sofort, hier, auf der Stelle nackt ausziehen würde und hemmungslos über mich herfallen würde. Ich schwitze. Wie lang braucht dieser dämliche Aufzug eigentlich noch. Ich muss hier raus. Diese Frau macht mich ganz verrückt. 10. Etage....

Corinna: Ich will auf´s Land. Ich will mich aus meinen Klamotten schälen, meine Jogginghose anziehen, das Unkraut im Garten zupfen. Er geht so lang zum Angeln und danach braten wir den frischen Fisch über dem Lagerfeuer, trinken ein Bier und reden über das Balzverhalten von Ameisen. Ein ganz normales Leben, ohne Glanz und Doppeldeutigkeiten. Er sieht gut aus, er gefällt mir wirklich. Wahrscheinlich bin ich sogar genau sein Typ. Dieses hautenge Gucci-Kostüm lässt ihn wahrscheinlich innerlich aufbrodeln. Aber ich muss ins Büro. Mein ätzender Chef hat sich bestimmt schon die nächste Schikane gegen mich ausgedacht. „Es macht ihnen doch bestimmt nichts aus, Fräulein Schäfer, die Akten bis morgen früh fertig zu stellen“. Er nennt mich Fräulein, als ob die Sache schon klar wäre, dass ich nie heiraten werde. Ich sage dann, ganz freundlich, denn ich brauche diesen Job und das Geld, überhaupt kein Problem Herr Lautenschläger, bis morgen früh um 9 Uhr liegen die Akten auf ihrem Schreibtisch. Dieser Spinner glaubt echt, ich hätte kein Privatleben. Ich hoffe der Fahrstuhl bleibt stecken. Wie im Film. Der gutaussehende Mann neben mir wird mich bitten seine Frau zu werden, schließlich kennt er mich vom Sehen im Aufzug. Ja...

Bodo: Dabei sieht sie eigentlich ganz nett und sympathisch aus. Ich habe sie, glaub ich, neulich im Foyer gesehen, als sie eine Zigarettenpause eingelegt hat. Ich dachte mir noch, stellst du dich dazu. Komm schon Bodo, mit dem Rauchen aufzuhören, kannst du auch noch nächste Woche anfangen. Ich war kurz davor, als plötzlich eine, ebenso wie sie, aufgestylte Tussi und ein Typ im Webdesigner-Stil auftauchten. Seitdem bin ich Nichtraucher. Diese Masche mit dem Feuer ist ja auch irgendwie überholt. Sie lächelt mich an. So wie sie wahrscheinlich alle Männer anlächelt, von denen sie glaubt, dass sie Geld haben. Wenn ich sie ansprechen würde, würde sie mich wahrscheinlich gleich nach meiner beruflichen Stellung fragen. Ich müsste ihr sagen, dass ich in einer großen Firma in der Chefetage tätig sei. Sie wäre beeindruckt und ich würde sie auf ein gediegenes Essen mit Hummer und Champagner ins Ritz einladen müssen, denn ansonsten würde sie das Interesse verlieren. Niemals könnte sie sich auf einen Mann einlassen, der nur der Laufbursche für die Assistenten und Bosse ist. Ein Mann, der einen alten Ford Fiesta, der endlich zum TÜV müsste, fährt, braucht sich gar nicht einbilden, bei ihr landen zu können. Scheiße, schon zwanzig nach zwei Uhr. Gleich kann ich mir wieder anhören: „Herr Müller, Zeit ist Geld, sie sind 10 Minuten zu spät, aber scheint sie wie immer nicht zu interessieren“. Ich werden daraufhin antworten, dass es mir leid tut, aber die U-Bahn hatte wieder mal Verspätung. Die Ausreden der Teeniezeit sind immer noch die Besten. So noch drei Etagen und dann ist alles geschafft. Ich werde sie wieder nicht angesprochen haben, sie wird wahrscheinlich die ganze Zeit an ihren nächsten Beauty-Termin gedacht haben und mich keines Blicks gewürdigt haben, während ich mir eine Zukunft mit ihr vorstellen könnte.

Corinna: Der Fahrstuhl bleibt natürlich nicht stecken. Ich habe den Kampf mit der Technik verloren. Ich hätte zu Fuß gehen sollen, aber nein, ich muss ja mit diesem Mann für mein Leben in diesem Lift bis ins Erdgeschoss fahren, ohne ihn nach seiner Nummer zu fragen. Ich bin so ein Feigling. Er begibt sich jetzt nicht ohne Eile ins nächste Luxus-Café, um mit seiner hübschen Assistentin einen Kaffee zu schlürfen und über die nächste Werbekampagne zu plaudern. Ich will hier raus.

Bodo: Na endlich.

Corinna: Endlich raus hier. Ich kann sein Abbild von versteckter Männlichkeit nicht mehr ertragen.
Auf Wiedersehen.
Kurz lächeln und dann den Typen aus der 23. ganz schnell vergessen.

Bodo: Auf Wiedersehen.
Hoffentlich. Verdammt, ich komm zu spät.

Als sich die Fahrstuhltür öffnet, werden die beiden von einem grellen, silbernen Licht geblendet. Davor steht eine junge Frau, Simone, die soeben ihren neuen Polaroid-Fotoapparat ausprobiert und versehentlich abgedrückt hat. Sie entschuldigt sich und steigt in den Lift ein. Die Tür ist verschlossen und Bodo und Corinna verlassen das Hochhaus.

Simone: Das war ja ein jetzt vielleicht eine peinliche Situation. Die beiden haben mich ganz schön blöd angeschaut, als wäre ich ein Paparazzi. Oh Gott, vielleicht waren das ja wirklich Promis. Dieses blöde Bild muss sich doch schneller entwickeln. Ich bin so neugierig. Die hatten bestimmt gerade eine heiße Nummer im Aufzug und ich hab das Exklusivbild. Ich werde reich. Bild, Bunte oder Gala, mal sehen, wer am meisten Kohle springen lässt. Ja, so langsam kommen die Gesichter zum Vorschein. Ist das nicht, nein, oder doch, ja, die aus dem Fernsehen, oder doch nicht, aber er, er ist dieses Model, oder. Verdammt schneller.

Das Bild ist nun vollständig entwickelt. Doch die Enthüllung bringt keine Prominenten zum Vorschein.

Simone: Es wäre ja auch zu schön gewesen. Diese zwei könnten, obwohl sie keine Promis sind, ganz gut zusammenpassen. Na gut, dann mach ich jetzt ein paar schöne Bilder von der Stadt. Ich liebe Hochhäuser und das Gefühl der Schwerelosigkeit, kurz bevor der Aufzug ankommt.

Sie lässt das Bild im Fahrstuhl liegen. Ob es einer der beiden findet oder von der Putzkolonne entsorgt wird, wird Simone nie erfahren.